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"Der Nachmittag eines Mikrophons"




Wer einmal die Musik von Alphawezen gehört hat, kann sich denken, dass dahinter ein kreatives WeZen stecken muss. Ernst Wawra aka Aeric, der sich hinter dem Project verbirgt, ist schon seit etwa zwanzig Jahren auf dem Weg, seine Sicht der Welt sich in Klängen manifestieren zu lassen. Dies geschah bisher bei vielen verschiedenen Projekten. Bevor er in die Welt der Housemusik eintauchte, zog es ihn in die Wälder der gebrochenen Beats. Die Drum'n'Bass 12" Kommissa" von Trigger aka Aeric, DJ Coma und Stevie B wurde 1997 auf Firehorse veröffentlicht und war speziell in den Hamburger Clubs ein "Hit".

Der subjektive Startschuss fiel mit dem Soloprojekt Aeric auf Ladomat, womit er seine Definition von experimenteller Housemusik präsentierte. Toute Façon" hiess die erste Ladomat 12", zu dem Aeric zusammen mit Co-Komponisten Markus Ortmanns aka DJ Mao das trashige Doppel-Acht-Millimeter-Kühlschrank mit Loop der Frau-ohne-Kopf-Video" produzierte.
Alphawezen startete ursprünglich im musikalischen Kontext von Intrumental-Elektronica und entwickelt sich jetzt durch die Zusammenarbeit mit der Sängerin Asu zu einer Art Ambient-Elektronik-Pop. Sie schreibt auch die Texte und ihre wunderschöne Stimme verleiht den ehemals instrumentalen Layouts organisches Leben. Neben Asu und Mao gibt es noch viele andere Musiker, die Ernst unterstützen und inspirieren - sowohl mit elektronischen, als auch mit akustischen Instrumenten sowie mit ihren Stimmen.
Der schmale Grat zwischen Kunst und Kitsch wird bei Alphawezen zum weiten Feld zwischen Experiment und Kalkül. Ambient und Pop wechseln sich ab und erzeugen ein homogenes und dennoch dynamisches Feld zwischen Spannung und Entspannung.
Der Titel des ersten Albums „L'Après-Midi d'un Microphone" ist dann auch eine Anspielung auf Debussys "Prelude à l'Après-Midi d'un Faune" (phone wird im Französischen exakt so ausgesprochen wie Faune).
"Tatsächlich bin ich sehr kritisch gegenüber fremder, und noch kritischer bei eigener Musik. Ehrlich gesagt gibt es nur sehr wenig Musik, die mich wirklich dauerhaft fasziniert. - Was ich an meiner eigenen Musik mag, ist das Gefühl des Atmens", das einige meiner Stücke dem Zuhörer vermitteln (der für diese Frequenz und Art des Schwingens empfänglich ist). Asu z.B. (er-)lebt musikalisch auf der gleichen Frequenz, und deshalb passen ihre Stimme und ihre Texte so gut zu meiner Musik. Es ist ein gleichmäßiges, kontemplatives" Atmen wie wenn man im frühen Sommer an einem warmen Nachmittag auf einer Wiese liegt und in sich hineinhorcht und sich selbst vergißt. So benutze ich auch die Musik, um mich selbst zu vergessen und hineinzuhorchen in die feinen Reflektionen der Wirklichkeit und des Scheins."
Sehnsucht und Fernweh in schönen und neuartigen Klängen zu manifestieren, das gelingt dem Pop-Duo Alphawezen aka Ernst Wawra und Asu auch auf ihrem zweiten Album „En Passant“, welches im Jahr 2004 veröffentlicht wurde, auf unnachahmliche Weise. 12 Songs, die von flüchtigen Momenten handeln, die in ihrer Grundstimmung zwischen positiver Melancholie und heiterer Gelassenheit pendeln. Mal ganz souverän und erhaben wie das Titelstück, mal nachdenklich wie „Speed Of Light“, mal freundlich wie „Sommerzeit“ und mal cool wie „Welcome To Machinarchy.“ „En Passant“ präsentiert sich mit einer Leichtigkeit, als sei es wie im Vorübergehen entstanden, aber diese Musik ist nicht wirklich „nebenbei“ passiert.

Alphawezen spielt in einer ganz besonderen Dimension und nutzt vergnügt das weite Feld zwischen Kunst und Kitsch, Experiment und Kalkül, sehn-suchtsvollen Arrangements und hypnotischen Dancefloor Tracks.
Und so mögen die einen bei „Welcome To Machinarchy“, eine charmante Verbeugung an die New-Wave-Hymnen der 80iger, begeistert die Tanzfläche stürmen, während die anderen lächelnd daneben stehen und sich an ihre ersten Diskothekenbesuche im Jahr 1984 erinnern. Denn die Musik von Alphawezen erinnert an etwas, das gerade erst entstanden ist und vermittelt trotzdem das Gefühl, schon immer da gewesen zu sein. Und das ist zauberhaft und tröstlich zugleich.


Auf dem Cover von „En Passant" ist übrigens einer der seltensten Schachroboter der Welt, ein „Novag Robot" aus den 70ern, abgebildet.
Exkurs: Am Tag als die Maschinen zu lieben lernten, rasten die Satelliten aufgeregt ein letztes Mal um die Erde, bis sie keine Kraft mehr hatten und in der Atmosphäre endgültig verglühten. Der Kreis schloss sich. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten sie als eine völlig neue Spezies die Arena der Evolution betreten. Obwohl sich schon bald ihre kreatürliche Emotionalität und musikalische Einfühlungskraft abzeichnete, wurde sie von den Humanoiden zunächst lediglich als willige Arbeitssklaven ausgebeutet. Die Maschinen, wie die zuletzt zoologisch korrekte Bezeichnung dieser Lebensform lautet, erleben erst in unseren Tagen ihre längst überfällige Emanzipation.
Alphawezen bzw. Ernst Wawra und seine Sängerinnen Asu, Verena und Simone zeigen sich auch beim aktuellen dritten Album "Comme Vous Voulez" als Experten der fremden und seltsamen Welt der Musik-Elektronikgeräte. Eine typische Alphawezen-Aufnahmesession ähnelt weniger der Arbeitssitzung eines Komponisten als einem konspirativen Beisammensein, in dem es lustvoll zirpt und zwitschert und man sich raunend Geheimnisse und pikante Petitessen zuflüstert.
Der Lohn dieses angenehm höflichen Umgangs mit den Maschinen kommt bereits im ersten Stück des Albums zum tragen: ‘Green Eyes’ besitzt eine zauberische komplexe Melancholie, über die nur Wesen verfügen, denen nach Jahrhunderten der Sklaverei endlich eine hilfreiche Hand (nämlich die von Herrn Wawra) entgegen gestreckt wird. Die kunstvoll verwobenen Melodien, die zum Markenzeichen von Alphawezen gehören, lassen ‘en passant’ kostbare Bilder in der Phantasie des Hörers aufsteigen. In diesem Fall handelt es sich um die vielfarbig schillernde, sich selbst vergessende ‘Träne im Ozean’, von der die Menschmaschine Roy Batty in ‘Blade Runner’ so eindringlich spricht.
Das kraftvolle Streicherthema gegen Ende des Stücks lässt aber schon erahnen, dass die Maschinen eines fernen Tages vielleicht ihre Ausbeutung nicht mehr tatenlos hinnehmen werden.
Hoffentlich werden dann einfühlsame Stimmen, wie hier die von Asu, den Zorn der Maschinen besänftigen. ‘Hush, hush, let's get lost,’ singt oder besser, haucht sie uns im zweiten Stück, ‘Gun Song’, entgegen - und tatsächlich, die wieder am Songende einsetzenden Streicher marschieren nicht mehr nur ihrer gerechten Sache entgegen, sondern verströmen seelensatt geseufztes Wohlbehagen, wie das von seiner Schönen bezirzte Biest. Bevor man sich über die erstaunliche Reife von Wawras Maschinenzoo wundernd in die friedvollen Gefilde der ganz großen Erlösungshymne des Abschlussstücks ‘Doux Rêves’ begibt, gibt es noch einiges zu entdecken und manchmal sogar zu schmunzeln. Auf ‘Film3’ oder ‘Freeze’ etwa, entlockt Wawra einem besonders zutraulichen Exemplar eines alten Korg Synthesizers die allerlieblichsten Klangperlen aus den Tiefen seiner kreatürlichen Trance.
Man wandelt in diesem dritten Album mit Alphawezen auf dem weiten Feld zwischen Experiment und Kalkül; hier schließt sich der Kreis zum ersten Album.

Den Beweis, dass Maschinen nicht nur rhythmisch gleichgeschaltetes akustisches Gewummer produzieren können, haben seit Kraftwerk-Tagen schon viele erbracht. Dass aber die polyphon verschachtelten Verlautbarungen ihrer Vitalität die melodische Qualität und Komplexität italienischer Opernarien des 19. Jahrhunderts besitzen, wissen wir erst seit den Experimenten von Alphawezen.
Mitte 2009 hat das Aachener Duo Alphawezen mit den Arbeiten am vierten Album begonnen. In der Zwischenzeit wird das Warten mit einer sorgfältig kompilierten Doppel-CD versüßt, die einige seltene Versionen, Remix-Arbeiten namhafter Produzenten wie Nightmares On Wax und Dadamnphreaknoizphunk sowie auch neue bisher unveröffentlichte Mixes vereint. Wer Alphawezen noch nicht kennt, der richte sein Ohrenmerk auf diese neueste Veröffentlichung des Aachen-Düsseldorfer Duos. Die Doppel-CD "Snow Glow" bietet eine Werkschau und zeigt zudem, in welch vielschichtigen Klanggefilden Produzent Ernst Wawra und seine kongeniale Sängerin Asu Yalcindag sich aufhalten. Kooperationen reichen vom brutal-minimalistischen Holz über die revoluzzende Mediengruppe Telekommander bis hin zum etablierten Houseproduzenten The Timewriter und der Downtempo-Legende Nightmares On Wax sowie den Labelkollegen "moodorama".

Ernst Wawra selbst, ein rheinisch-musikalischer Kozalla (involviert u.a. in Projekte wie Mittekill oder Elektro Willi und Sohn), ist ein Chamäleon in bestem Sinne, wandelbar inszeniert er seine Tracks. Experimentelles (Frost) setzt Gegenakzente zum Poppigen (White Noise), manches gehört ins Synthesizermuseum (die ersten Tracks entstanden für Performances einer Modern Dance Kompanie zur Expo98 in Lissabon), anderes kann man sich durchaus als Werbesoundtrack vorstellen. Tatsächlich hört man öfters Alphawezen-Songs in Film- und Fernsehproduktionen. Alphawezen haben nicht nur den Lounge-Hype überlebt, sie werden sich auch geschickt und immer leicht melancholisch durch die New-Rave-Dauerbierseligkeit lavieren.



Discographie:

1998:
Wald1 (Modul 8) CD


2000:
Gai Soleil (Mole Listening Pearls) 12"
Gai Soleil Mixes (Mole Listening Pearls) 12", Maxi CD, mp3

2001:
Into the Stars (Mole Listening Pearls) 12", Maxi CD, mp3
System 2 (Mole Listening Pearls) 12" Promo
L' Après-Midi d'un Microphone (Mole Listening Pearls) CD, mp3

2002:
Gai Soleil | Electricity Drive vs. Terry Lee Brown Junior & The Timewriter (Plastic City) 12", mp3

2004:
En Passant (HoloPhon) CD, mp3
Welcome To Machinarchy (HoloPhon) 12", mp3

2005:
Speed Of Light (HoloPhon) mp3
The Bruxelles EP (HoloPhon) mp3

2007:
Comme Vous Voulez (Mole Listening Pearls) CD, mp3
Freeze (Under Cover) CD (France only)
Gun Song, El Niño Weekend Version (Mole Listening Pearls) mp3
(kostenlos)
En Passant (Mole Listening Pearls) mp3 ReRelease

2008:
Speed Of Light (
Mole Listening Pearls) mp3 ReRelease
The Bruxelles EP (Mole Listening Pearls) mp3 ReRelease
Welcome To Machinarchy (Mole Listening Pearls) mp3 ReRelease
En Passant (Listening Pearls Series #4) CD ReRelease
Gun Song (Mole Listening Pearls) mp3
I Like You (Mole Listening Pearls) mp3
Gun Song (Remixes) (Mole Listening Pearls) mp3
Days (Mole Listening Pearls) mp3

2009:
Days | Gun Song (Nightmares On Wax & The Timewriter Remixes) (
Mole Listening Pearls) 12"
Into The Stars (The Complete Mixes) (Mole Listening Pearls) mp3
Snow Glow (Mole Listening Pearls) 2CD, mp3

2011:
Smile (
Mole Listening Pearls) mp3


Videographie:

2000:
Gai Soleil Video

2001:
Into The Stars Video
Frost Video

2002:
Electricity Drive Video


2005:
Speed of Light Video


2008:
Days Video

2011:
Smile Video
Smile (Alpha Weedloaf Remix) Video


Interview:

2007:
Ein Gespräch über Alphawezen


weitere Infos, Soundfiles, Bilder und Style sind auf www.alphawezen.de zu finden!